Lampenfieber überwinden: was Impro-Theater dir beibringt

Von Marc Neuber5 Min. Lesezeit

Zum Hören: Your Content SucksInterview: Angstfrei auftreten – Impro-Techniken für Selbstbewusstsein & Spontaneität (mit Jack Rehfuß)54 Min.

Du sollst vor Leuten sprechen, vor der Kamera stehen oder einen Vortrag halten – und schon beim Gedanken daran geht dir die Pumpe? Damit bist du nicht allein. Ich kenne das selbst gut. Deshalb habe ich mit Jack Rehfuß gesprochen: Schauspieler, Impro-Coach und jemand, der Lampenfieber bis heute kennt. Ein paar Impro-Übungen haben wir sogar direkt im Studio gemacht.

Die Folge ist im Februar 2025 erschienen.

Vom Industriekaufmann zum Schauspieler

Jacks Weg auf die Bühne war nicht geradlinig. In der Schule war er in der Theater-AG, nach dem Abi wusste er aber nicht recht, wohin. Also machte er erst einmal eine Ausbildung zum Industriekaufmann – dreieinhalb Jahre, „überhaupt nicht meins“, wie er sagt. Abgeschlossen hat er sie trotzdem, weil ihm wichtig ist, Dinge zu Ende zu bringen.

Schon während der Ausbildung spielte er am Theater Duisburg in einer Gruppe junger Leute, die dort gefördert wird. Erst in großen Projekten mit rund 20 Leuten auf der Bühne, später auch in Stücken mit nur vier Spielern. Danach bewarb er sich an Schauspielschulen, wurde in Köln angenommen und machte dort eine dreieinhalbjährige Ausbildung.

Was Impro-Theater anders macht

Im klassischen Theater lernst du einen Text auswendig, der Regisseur sagt dir, wie du ihn sprechen sollst, und so spielst du ihn dann 20 Mal. Beim Improvisationstheater gibt es keinen Text. Niemand sagt dir, was du spielen musst. Du stehst auf einer leeren Bühne, ohne Requisiten, und baust alles aus dem Moment heraus: Wo sind wir? Welche Beziehung haben wir zueinander? Was sagst du, und wie gehe ich darauf ein?

Das wichtigste Prinzip dabei heißt „Ja, und …“:

  • Ja: Du nimmst die Idee deines Gegenübers an. Sagt jemand „schöner Strand“, ist da ein Strand.
  • Wiederholen: Du bestätigst das Gesagte aus deiner Sicht.
  • Und: Du baust etwas darauf – „… und da liegt eine Muschel.“ Der Nächste findet darin eine Perle.

Ich setz einen Baustein drauf, du setzt einen drauf. Ich, du, ich, du. Minute 26:11

Nach 16 solcher Schritte steht laut Jack ein ganzer Backsteinturm, obwohl der erste Stein nichts Besonderes war. Als wir das ausprobiert haben, habe ich prompt eine Frage gestellt. Jacks Tipp: Behaupte lieber etwas, statt zu fragen. Mit einer Frage gibst du dem anderen die ganze Verantwortung – mit einer Behauptung („Dir geht es schlecht“) kann die Geschichte sofort weitergehen.

So läuft ein Impro-Training ab

Für alle, die noch nie in so einem Training waren (wie ich), hat Jack den Ablauf beschrieben:

  1. Ankommen im Kreis: Meist sind acht bis zwölf Leute dabei. Kurze Check-in-Runde: Wer bist du, wie viel Impro-Erfahrung hast du?
  2. In den Körper kommen: Dehnen, kleine Spiele, Impulse hin- und herwerfen. Zum Beispiel Assoziationen: Einer sagt ein Wort, zeigt auf jemanden, der antwortet mit dem ersten Begriff, der ihm einfällt. Wichtig dabei: Augenkontakt halten, nicht woanders nach der Antwort suchen.
  3. Lockern: Manchmal bringt Jack Musik mit, und alle bewegen sich frei dazu – für viele eine große Hürde.
  4. Reset: Augen schließen, fünf- bis zehnmal tief durchatmen, nur bei sich sein. Dann die Augen öffnen und die anderen neu sehen.
  5. Das eigentliche Programm: Übungen wie „Ja, und …“, später Szenen auf der Bühne.

Die Assoziationsübung kannst du übrigens auch zu zweit zu Hause machen. Ich hatte danach das Gefühl, Jack ein Stück besser zu kennen.

Spannend fand ich auch Jacks Beobachtung zu Gruppen: Solange alle pünktlich sind, festigt sich eine Gruppe. Kommt einer zu spät, kommt bald der Zweite zu spät – und plötzlich gilt ein anderer Standard.

Lampenfieber: akzeptieren statt bekämpfen

Jack steht lieber auf der Bühne, als im Publikum zu sitzen. Lampenfieber hat er trotzdem, besonders bei Auftritten, die ihm viel bedeuten. Nach etwa fünf Minuten auf der Bühne ist er drin. Seine Technik ist simpel: atmen. Augen zu, tief ein, tief aus. Entscheidend ist aber die Haltung dahinter:

Ich glaube, das Problem ist immer dann, wenn man die Dinge nicht akzeptiert, die da sind. Minute 48:59

Die Nervosität muss nicht weg. Wird sie durch das Atmen kleiner, gut. Wenn nicht, nimmt er sie einfach mit. Du bist auf der Bühne, du bist nervös – das darf sein.

Auch Jack hatte in der Schule Angst vor Präsentationen. Der Unterschied heute ist die Übung:

Alles, was du sehr oft machst, du gewöhnst dich einfach dran. Minute 50:47

In seinen Trainings sieht er das ständig. Wer zum ersten Mal auf der Bühne war, merkt: „Ich sterbe nicht.“ Das Tanzen fühlte sich beim ersten Mal komisch an, beim zweiten Mal schon besser. Genau das ist der Weg.

Was Jack über Rollen, Schauspielschule und Nein-Sagen erzählt

Eine Rolle findet Jack nicht in der ersten Probe, sondern nach und nach. Manchmal sucht er bis zur letzten Probe. Als Schauspieler ist er an den Regisseur gebunden, auch wenn er selbst etwas anders machen würde. Inzwischen schaut er deshalb genauer hin, mit wem er zusammenarbeitet, bevor er einen Vertrag unterschreibt – und sagt auch mal Nein.

Seine Ausbildung bestand aus Bewegungsunterricht, Rollenarbeit mit Dialogen und Monologen, Dramaturgie, Theatergeschichte und gemeinsamen Projekten mit Regisseuren. Methoden wie die Meisner-Technik sieht er als Werkzeugkasten: Jeder Schauspieler findet heraus, mit welchem Werkzeug er gut umgehen kann. Bei der Aufnahmeprüfung hat er ein, zwei Rollen und ein Lied vorgetragen. Das Lied soll vor allem zeigen, wie du auf der Bühne wirkst.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Jack gestikuliert viel, vor allem bei Menschen, die er noch nicht gut kennt. Für ihn ist das ein Zeichen von Offenheit. Wer die Hände hinter dem Rücken hat, wirkt schnell so, als hätte er keine Lust auf ein Gespräch.

Jacks Rat für alle, die auf die Bühne wollen

Wenn du für etwas brennst, dann mach es. Erzähl anderen davon, schau, wer in deinem Umfeld schon in dem Bereich unterwegs ist, und frag um Hilfe. Geh in Theater und Theatergruppen und lern von Leuten, die Ahnung haben. Manchmal dauert es ein Jahr, manchmal zwei.

Fazit

Lampenfieber wirst du nicht los, indem du es wegdrückst. Du überwindest es, indem du es zulässt und so oft vor Leute gehst, bis es kleiner wird. Das gilt für die Bühne genauso wie vor dem Mikro oder der Kamera, etwa bei einem Videopodcast. Hör in die ganze Folge rein – da kannst du auch miterleben, wie ich mich bei den Impro-Übungen geschlagen habe.

Wissenswertes

Was hilft gegen Lampenfieber?

Jack setzt auf Atmen: Augen schließen, tief ein- und ausatmen. Dabei geht es ihm nicht darum, die Nervosität loszuwerden, sondern sie zu akzeptieren – wird sie nicht kleiner, nimmt er sie einfach mit auf die Bühne.

Geht Lampenfieber mit der Zeit weg?

Bei Jack nicht ganz: Vor wichtigen Auftritten ist er bis heute nervös. Nach etwa fünf Minuten auf der Bühne ist er aber drin. Und je öfter du vor Leuten stehst, desto kleiner wird die Angst.

Was bedeutet „Ja, und …“ beim Improvisieren?

„Ja“ heißt, die Idee deines Gegenübers anzunehmen, „und“ heißt, etwas darauf aufzubauen. So entsteht Schritt für Schritt eine gemeinsame Geschichte, ohne dass einer allein bestimmt, wohin es geht.

Wie läuft ein Impro-Training ab?

Bei Jack sind meist acht bis zwölf Leute dabei. Es beginnt mit einer Runde im Kreis, Aufwärmübungen wie Assoziationen hin- und herwerfen, manchmal freiem Tanz und einem kurzen Atem-Moment. Danach folgen Übungen wie „Ja, und …“ und erste Szenen.

Wie läuft die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule ab?

Jack hat beim Vorsprechen ein, zwei Rollen und ein Lied gezeigt. Beim Lied geht es laut ihm weniger ums perfekte Singen als darum, wie du auf der Bühne wirkst.

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