Quereinstieg in die Medienbranche: vom Bürojob zum Videocreator
Du sitzt in einem sicheren Job, aber eigentlich willst du etwas mit Video und Social Media machen? Viktor Foos stand genau da. Viktor kenne ich noch aus meiner Zeit im Podcast-Studio in Köln, wo er Kurzvideos für unsere Kunden geschnitten hat. Im Gespräch wurde schnell klar: Seine Geschichte ist viel mehr als „Typ schneidet Videos“.
Die Folge ist im Februar 2025 erschienen. Alle Angaben beziehen sich auf den damaligen Stand.
Vom Autohaus-Büro zum Videoschnitt
Viktor hat nach der Schule nichts im Medienbereich gelernt. Schulabschluss war 2008 – damals hieß „was mit Medien“ für ihn Film und Fernsehen, und das wirkte unrealistisch. Also wurde er Automobilkaufmann und hat danach im Backoffice eines Autohauses gearbeitet: Akten sortieren, Akten bearbeiten. Mit Ausbildung waren das ungefähr zehn Jahre.
Irgendwann hatte er das Gefühl, das „Bürojob-Game“ durchgespielt zu haben. Seine Perspektive waren die älteren Kollegen, die denselben Job schon 10 oder 20 Jahre länger machten. Über Podcasts und YouTube wuchs über Jahre die Idee, dass es noch etwas anderes geben könnte – vielleicht Richtung Social Media.
Der erste Versuch: Bewerbungen. Das Ergebnis: nur Absagen, als Quereinsteiger ist das schwierig. Der zweite Versuch: LinkedIn. Dort suchten Leute damals noch öffentlich Unterstützung für Projekte. Viktor schrieb einfach jemanden an, traf sich, und bekam die ersten kleinen Aufträge – abends und am Wochenende neben dem Job. Als ein Kunde fragte, ob er auch ein Video schneiden könne, sagte er Ja, ohne Ahnung davon zu haben. Er kaufte sich Final Cut, schaute ein zweistündiges YouTube-Tutorial und schnitt das Video. Danach kamen immer mehr Anfragen.
Erst Stunden reduzieren, dann kündigen
Viktor hat nicht von heute auf morgen alles hingeworfen. So sah sein Übergang aus:
- Stunden reduzieren: Er ging auf 30 Stunden pro Woche und blieb – es war Corona-Zeit – im Homeoffice.
- Nebenbei aufbauen: Rund ein Jahr lang sechs Stunden Bürojob am Tag, dazu zwei bis vier Stunden für eigene Aufträge.
- Polster anlegen: Er hatte Geld zurückgelegt, mit dem er bei sparsamem Leben theoretisch etwa ein Jahr überbrücken konnte.
- Kündigen: Als er mit seinen Kunden ungefähr 1.000 Euro im Monat verdiente, kündigte er – obwohl das noch nicht für Miete und Leben reichte.
Sein LinkedIn-Beitrag über die Kündigung ging viral – nach seiner Erinnerung über 100.000 Aufrufe – und es kamen neue Kunden. Im Februar 2022, noch innerhalb der Kündigungsfrist, verdiente er zum ersten Mal genug, um davon zu leben. Damit hatte er selbst nicht gerechnet.
Seine Tochter war zu dem Zeitpunkt zwei, drei Monate alt. Rückblickend sieht er genau darin den Vorteil: Er hat mehr Flexibilität als je zuvor. Und selbstständig zu sein heißt für ihn auch, umsteuern zu können, wenn etwas nicht mehr funktioniert – während man als Angestellter abhängig von Entscheidungen anderer ist.
Kunden gewinnen auf LinkedIn, ohne zu verkaufen
Das hat mich am meisten überrascht: Viktor betreibt auf LinkedIn keinen Vertrieb. Er schreibt keine Verkaufsnachrichten, verschickt kaum Vernetzungsanfragen und hat nie eine Werbeanzeige geschaltet. Stattdessen gibt er Wissen weiter: wie man bessere Videos macht, welche Mikrofone gut sind. Wer das mag, bucht einen Termin – dazu kommen Empfehlungen von früheren Kunden.
Wenn du Content machst, musst du halt immer Mehrwert liefern. Und Mehrwert ist halt nicht dein Angebot, so was zu pitchen. Minute 36:58
Wachsen um jeden Preis will er gar nicht. Er hat kein Interesse, zu skalieren oder Leute einzustellen – ein, zwei Kunden mehr wären okay, mehr nicht. Seine Prioritäten sind klar: YouTube zuerst, dann LinkedIn, weil von dort die Kunden kommen. Instagram schätzt er vor allem für den Austausch, weil dort Leute per Nachricht Fragen stellen, aus denen neue Video-Ideen entstehen.
Auch den Begriff „Freelancer“ mag Viktor nicht, weil viele dabei an den 10-Euro-pro-Stunde-Auftrag denken. Er sieht sich als Partner für Videocontent, der sich einbringt und Feedback gibt – gefragt oder ungefragt.
Die Hemmschwelle vor der Kamera
Seine ersten YouTube-Videos sind 2021 entstanden, als er noch angestellt war – mit der Sorge, was Kollegen denken. Die Videos sind bis heute online, und er nennt sie selbst „richtig cringe“. Seine Erkenntnis:
Die ersten 20 Videos werden sowieso schlecht. Minute 18:41
Außerdem: Kaum jemand schaut am Anfang zu. Ein Tipp von Viktor für alle, denen das Reden in die Kamera schwerfällt: Mach ein Interview und sei selbst der Fragesteller. Als Moderator hast du einen kleinen Textanteil und kannst dich vorbereiten.
Draußen zu filmen ist für Viktor bis heute schwieriger als im eigenen Studio. Auf Messen wie der OMR oder auf Events fällt es ihm leichter, weil dort ohnehin viele filmen. Für eine Veranstaltung von Gary Vee ist er kurz nach dem Start in die Selbstständigkeit allein nach Minneapolis geflogen. Die Aufträge, die aus den Kontakten dort entstanden sind, haben ihm am Ende mehr eingebracht, als die Reise gekostet hat.
Inhalt schlägt Kameraqualität
Viktors bis dahin erfolgreichstes Video war ein Reise-Vlog aus Griechenland, gedreht mit einem iPhone 11 Pro. Für ihn die perfekte Bestätigung: Der Wert eines Videos zählt mehr als die Produktionsqualität. Als Beispiele nennt er Creator wie Sam Sulek oder Emma Chamberlain, die mit einfachen Mitteln ein großes Publikum erreichen. Sein großes Vorbild ist Casey Neistat, dessen Vlogs er komplett geschaut hat.
Genau das empfiehlt er auch kleinen Unternehmen in seinem Ort, etwa Maklern oder Friseuren:
Was ist, wenn da einer kommt und der hält einfach jeden Tag sein Handy mit drauf? So, dann ist es schon besser als 95 Prozent aller anderen. Minute 52:19
Viktors Tipps für den Quereinstieg
- Nebenbei anfangen: Nicht alles hinwerfen, sondern erst Stunden reduzieren oder Wochenenden nutzen.
- Kostenlos starten ist nicht umsonst: Du sammelst Erfahrung, drehst Behind-the-Scenes-Material für deine eigenen Kanäle und erfährst von potenziellen Kunden, was sie für so eine Leistung zahlen würden.
- Geld zurücklegen: Sparen und bewusst leben verschafft dir den Spielraum für den Schritt.
- Nische filmen: Je spezieller dein Thema, desto interessanter kann es für andere sein. Stell einfach eine Kamera hin.
- Eigene Videos als Portfolio: Sein YouTube-Kanal mit über 100 Videos ist für ihn das beste Portfolio, besser als manche Kundenarbeit.
Und das Wichtigste: Introvertiert zu sein ist kein Hindernis. Viktor beschreibt sich selbst als total introvertiert und hält inzwischen trotzdem Vorträge.
Fazit
Der Quereinstieg in die Medienbranche hat bei Viktor nicht über Bewerbungen funktioniert, sondern über kleine Aufträge, eigenen Content und viel Geduld neben dem Job. Wenn du gerade an derselben Stelle stehst, hör dir die ganze Folge an – Viktor erzählt dort noch mehr über seine Vlogs, seine Reisen und warum er mit niemandem tauschen möchte. Und wenn du selbst einen Videopodcast starten willst, findest du hier, wie wir das im Studio umsetzen.
Wissenswertes
Kann man ohne Ausbildung in die Medienbranche wechseln?
Viktor hat es geschafft: Er hat Automobilkaufmann gelernt und rund zehn Jahre im Büro eines Autohauses gearbeitet. Bewerbungen als Quereinsteiger brachten nur Absagen – den Einstieg fand er stattdessen über kleine Aufträge, die er über LinkedIn bekam.
Wie gewinnt man als Videocreator Kunden über LinkedIn?
Viktor verkauft dort nach eigener Aussage nie etwas: keine Verkaufs-DMs, kaum Vernetzungsanfragen, keine Werbeanzeigen. Er teilt Wissen und Tipps rund um bessere Videos – Interessenten melden sich dann von selbst, dazu kommen Empfehlungen früherer Kunden.
Sollte ich für die Selbstständigkeit direkt meinen Job kündigen?
Viktor rät eher davon ab, alles sofort hinzuwerfen. Er hat erst nebenbei gearbeitet, dann auf 30 Stunden pro Woche reduziert, Geld zurückgelegt und erst gekündigt, als die ersten Kunden da waren.
Brauche ich eine teure Kamera, um Vlogs zu machen?
Nein. Viktors bis dahin erfolgreichstes Video war ein Reise-Vlog aus Griechenland, gefilmt mit einem iPhone 11 Pro. Was zählt, ist der Inhalt, nicht die Produktionsqualität.
Muss man extrovertiert sein, um Content zu machen?
Nein. Viktor beschreibt sich selbst als total introvertiert. Vor der Kamera kannst du dir ein Skript schreiben und im Schnitt ordnen, was du sagen willst – und viele Creator seien eher introvertiert.
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