YouTube-Metriken verstehen: von 4.000 auf 100.000 Abos

Von Marc Neuber6 Min. Lesezeit

Zum Hören: Your Content SucksInterview: Von 4.000 auf 100.000 Abos – Nutze die Metriken von YouTube (mit Julian Sencan)72 Min.

Wie bringt man einen YouTube-Kanal von ein paar tausend auf über 100.000 Abonnenten? Julian Sencan hat genau das als Videograf eines Tech-Kanals erlebt. Im Interview erzählt er, warum er heute kaum noch auf die Abozahl schaut, sondern auf die Metriken dahinter – und was er bei seinem eigenen Kanal gerade lernt.

Die Folge ist im Juli 2025 erschienen.

Vom Werkstudenten zum Play Button

Julian hat schon als Kind gefilmt, mit Freunden erste Videos geschnitten und im Studiengang Intermedia in Köln Kurzfilm-Seminare belegt – vier, fünf Semester am Stück, obwohl er nicht musste. Über einen Uni-Verteiler kam er als Werkstudent zu einem Tech-Startup, das ursprünglich als Blog mit Produkttests angefangen hatte. YouTube war dort anfangs eine Nebensache.

Als Julian einstieg, hatte der Kanal 4.000 Abonnenten. Rund vier Jahre später kam der Play Button für 100.000. Der Weg dahin: Smartphones, Smartwatches und Kopfhörer testen, so schnell wie möglich und trotzdem zuverlässig – Benchmarks, Display, Kamera, Testfotos, Testvideos, Klang beim Telefonieren. Etwa vier Videos pro Woche, jedes mit anderthalb bis zweieinhalb Tagen Arbeit. Im Team saßen elf bis zwölf Leute, die meisten in der Redaktion, dazu eine Sales Managerin für Kooperationen.

Warum die Abozahl das falsche Ziel ist

Julian hat sich damals Ziele gesetzt – auch, um in der Gehaltsverhandlung etwas vorweisen zu können. Rückblickend sagt er: Auf die Followerzahl hast du nur bedingt Einfluss. Was du beeinflussen kannst, sind die Hebel darunter: Wie oft wird das Video angeklickt? Wie lange bleiben die Leute dran?

Und es gehört immer Glück dazu. Das eigentliche Ziel war für ihn deshalb: guten Content abliefern, Neues ausprobieren, besser werden – und dabei authentisch bleiben. Ein Produkt schönzureden, das nicht gut ist, kam für ihn nicht infrage.

Die Metriken, auf die Julian heute schaut

Den größten Hebel sieht Julian am Anfang jedes Videos. Bei Kurzvideos zeigen die Plattformen, wie viele Leute länger als drei Sekunden dranbleiben, statt weiterzuwischen:

  • Instagram: alles über 60 Prozent ist gut.
  • YouTube Shorts: gut wird es ab 65 bis 70 Prozent „angesehen statt weggewischt“.
  • Wiedergabedauer: Seine englischen Shorts wurden im Schnitt zu 100 Prozent oder mehr angeschaut – also komplett, teils mehrfach.

Dazu kommt die Herkunft der Zuschauer. Genau die hat ihm gezeigt, warum seine Videos auf manchen Plattformen nicht liefen (dazu gleich mehr).

Du musst dich irgendwie damit beschäftigen, aber wissen tut es niemand. Minute 49:03

Denn den Algorithmus versteht niemand komplett – Julian ist überzeugt, nicht einmal die Plattformen selbst. Wer dir verspricht, ihn zu 100 Prozent zu durchschauen, will dir etwas verkaufen. Auch feste Posting-Uhrzeiten hält er für überschätzt.

Hooks testen: alle zehn Videos etwas Neues

Statt zu raten, sucht Julian in seinen Zahlen nach Mustern. Haben alle erfolgreichen Videos mindestens 65 Prozent Zuschauer, die die ersten drei Sekunden überstehen, dann ist dort etwas richtig gelaufen – und genau das versucht er zu wiederholen und zu überprüfen.

Seine Methode für Hooks:

  1. Alle zehn Videos eine neue Variante testen. Aus „Ich teste 100 Tage lang 100 vegane Rezepte, heute gibt es …“ wurde zum Beispiel „100 Tage, 100 vegane Rezepte, heute gibt es …“.
  2. Jede Sekunde zählt. Bei einem 15-Sekunden-Video ist eine Sekunde ein Fünfzehntel der Laufzeit – das wirkt sich direkt auf die Watchtime aus.
  3. Auf allen Ebenen denken: Wie wirkt die Hook im Bild, wie im Ton – und wie über Untertitel oder Einblendungen?
  4. Auch Misserfolge sind Ergebnisse. Wenn etwas nicht funktioniert, weißt du, dass du es nicht noch einmal machen musst.

Deutsch oder Englisch? Ein echter Test

Julian macht veganen Food-Content und hat ein Jahr lang auf Englisch produziert – mit der Idee, möglichst viele Menschen weltweit zu erreichen. Auf YouTube ging das auf: rund 5.000 Abonnenten, ein Video mit über einer Million Aufrufen, etwa 75 Prozent der Zuschauer aus den USA. Auf Instagram stand er dagegen seit Monaten bei rund 100 Followern, auf TikTok bei 800.

Ein Blick in die Herkunftsdaten zeigte: TikTok spielte seine Videos zu rund 75 Prozent in Deutschland aus – an Menschen, die mit englischem Content wenig anfangen können. Offiziell bestätigt ist das nicht, aber der Schluss lag nahe. Also stellte er auf Deutsch um:

  • Instagram: fast 700 neue Follower in 25 Tagen – mehr als im ganzen Jahr davor.
  • TikTok: 200 bis 300 neue Follower im selben Zeitraum.
  • YouTube: Aufrufe und Wiedergabedauer brachen zunächst ein, nur rund 50 Abonnenten sprangen ab, danach ging es wieder aufwärts. Viele schauen jetzt mit der automatischen Übersetzung von YouTube – die funktioniert laut Julian überraschend gut. Eigene Untertitel spart er sich seitdem.

Sein Rat: Solange dein Publikum im deutschsprachigen Raum sitzt, mach deinen Content auf Deutsch.

Einfach anfangen – mit dem Handy

Julians Grundregeln für alle, die mit Content starten wollen:

  • Spaß ist der wichtigste Motivator. Nur fürs Geld bleibst du nicht dran – und am Anfang verdienst du ohnehin keins.
  • Einfach anfangen. Das erste Video wird schlecht sein, schlecht ausgeleuchtet, holprig. Das gehört dazu.
  • Kein Technik-Wettrüsten. Er selbst ist erst spät auf eine Sony FX30 umgestiegen.

Jeder hat irgendwie ein Smartphone in der Tasche und das reicht vollkommen für den Anfang. Minute 43:23

  • Dranbleiben und besser werden. Spaß und Ausdauer allein machen deinen Content nicht besser – dafür brauchst du den Blick in die Zahlen.

Videopodcast: Warum Video, wenn doch alle nur hören?

Heute produziert Julian vor allem Videopodcasts. Die Frage „Wer schaut sich denn Podcasts an?“ hört er oft. Seine Antwort: Selbst wenn die meisten nur zuhören, kannst du die Videoaufnahme mehrfach verwerten – vor allem für Kurzvideos, die den Podcast bewerben. Julian ist selbst über ein Kurzvideo auf den Podcast gestoßen, den er heute am meisten hört.

Schnitt-Workflow und KI im Ton

Spannend für alle, die selbst produzieren: Julian und ich arbeiten völlig unterschiedlich.

  • Julian macht alles in Adobe Premiere – Schnitt, Color Grading und Ton. Adobe hat die meisten Audio-Funktionen aus Audition in Premiere integriert.
  • Ich habe meine Arbeitsschritte auf mehrere Programme verteilt: den Ton in Logic, den Videoschnitt in Premiere und per XML-Export das Grading in DaVinci Resolve oder Final Cut.

Bei der KI-Sprachverbesserung sind wir uns einig, dass sie mit Vorsicht zu genießen ist: Sie macht aus schlechtem Ton besseren Ton, versucht aber auch aus Geräuschen und verschluckten Silben Sprache zu machen. Julian verzichtet in Premiere deshalb inzwischen ganz darauf. Wer Tools wie den Audio-Enhancer von Adobe nutzt, sollte den Ton vorher gründlich bereinigen und am Ende alles gegenhören – sonst meldet sich der Kunde mit dem Hinweis, eine Stelle klinge „wie ein Alien“.

Selbstständig in der Medienbranche: Julians Rat

Am meisten schätzt Julian an der Selbstständigkeit die Freiheit, seinen Tag selbst einzuteilen und sich die Projekte auszusuchen – lieber etwas weniger verdienen und dafür Spaß an der Arbeit haben. Sein Rat für alle, die den Schritt überlegen:

  • Ein finanzielles Polster aufbauen. Er hat als Angestellter jeden Monat 400 bis 500 Euro zurückgelegt.
  • Den Gründungszuschuss prüfen, wenn du kein Polster hast – und den dafür nötigen Businessplan als Chance sehen, dir vorher Gedanken über Angebot, Zielgruppe und Rentabilität zu machen.
  • Mit anderen reden, auch mit vermeintlicher Konkurrenz. Statt sich Jobs wegzunehmen, schiebt man sich eher gegenseitig Aufträge zu, wenn jemand im Urlaub ist oder keine Kapazität hat.

Fazit

Wachstum ist kein Zufall, aber auch nicht vollständig planbar. Wer Spaß an seinem Thema hat, einfach anfängt, regelmäßig in seine Zahlen schaut und kleine Dinge wie die Hook gezielt testet, verschiebt die Wahrscheinlichkeiten zu seinen Gunsten. Das ganze Gespräch mit Julian – inklusive Geschichten aus dem Tech-Testalltag – kannst du oben in voller Länge hören.

Wissenswertes

Welche YouTube-Metriken sind am wichtigsten?

Julian schaut vor allem darauf, wie viele Zuschauer die ersten drei Sekunden überstehen, wie lange sie insgesamt dranbleiben und wie gut das Video angeklickt wird. Bei YouTube Shorts hält er 65 bis 70 Prozent „angesehen statt weggewischt“ für gut, bei Instagram alles über 60 Prozent.

Wie testet man Hooks für Kurzvideos?

Julian ändert alle zehn Videos die Hook und vergleicht die Zahlen. Schon eine Sekunde kürzer macht viel aus: Bei einem 15-Sekunden-Video ist das ein Fünfzehntel der Laufzeit.

Sollte ich Content auf Deutsch oder Englisch machen?

Wenn dein Publikum im deutschsprachigen Raum sitzt: Deutsch. Julians englische Videos liefen auf YouTube gut, kamen aber bei Instagram und TikTok kaum über Deutschland hinaus. Nach dem Wechsel auf Deutsch gewann er auf Instagram in 25 Tagen fast 700 Follower – mehr als im ganzen Jahr davor.

Brauche ich eine teure Kamera, um mit YouTube zu starten?

Nein. Für den Anfang reicht das Smartphone – Julian ist selbst erst spät auf eine Sony FX30 umgestiegen, weil er mehr Spielraum beim Reinzoomen wollte.

Taugt KI-Sprachverbesserung für Podcasts?

Nur mit Vorsicht. Julian nutzt die Sprachverbesserung in Premiere nicht mehr, weil sie aus Störgeräuschen und verschluckten Silben künstliche Sprache macht. Wer sie einsetzt, sollte den Ton vorher sauber bereinigen und das Ergebnis komplett gegenhören.

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